Heisser Sommer

oder die Sache mit dem Glücklich-sein-wollen    von Katrin Neefe im August 2018

Also, ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich möchte am liebsten immer glücklich sein! Glücklich in der Beziehung, glücklich mit den Kindern, glücklich mit und bei der Arbeit, glücklich mit meinem Kontostand, glücklich mit meinem Zuhause, meinem Haustier, meiner Waschmaschine, dem Handwerker, den ich gerade brauche und dem Preis, den er für seine Dienstleistungen verlangt. Glücklich mit dem Film, den ich gestern ausgewählt und angeschaut habe, glücklich mit dem Essen im Restaurant, glücklich mit meiner Figur, meiner Frisur, meinem Alter, glücklich mit dem Wetter.

Das Wetter liefert uns ja fast immer einen Grund zum unglücklich sein. Ich hoffe jedes Jahr im Frühling auf einen „schönen Sommer“.

Aber meist ist es zu kühl, zu nass, zu unbeständig und von den schönen Sommertagen gibt es zu wenige. Und wenn es sie schon gibt, dann sicher nicht in meiner Urlaubszeit, sondern wenn ich auf Arbeit schwitzen muss. Oder ich fahre an die Ostsee und habe dort schlechtes Wetter, während es zu hause gerade ganz toll ist, sonnig und warm. Deshalb wählte ich in den letzten Jahren lieber etwas südlichere Gefilde als Urlaubsziel, wegen der Sommer-Garantie.

Mit Stau- Garantie! Auch ein Grund, unglücklich zu sein.

 

Na, das Wetter ist nun dieser Tage wie in Italien und das schon seit Wochen! Wir haben den bisherigen Jahrhundertsommer! Sind wir nun glücklich mit dem Wetter?

 

Es scheint eine Idee unsere Zeit zu sein, dass wir einen Anspruch auf ständiges Glücklich-sein haben und das deshalb anstreben. Viele bunte Bilder in vielerlei Medien zeigen uns scheinbar ständig glückliche Menschen oder Dinge, die ich erwerben kann, um glücklicher zu werden.

Freunde und Bekannte schicken uns schöne Fotos von schönen Ecken dieser Welt, meist als selfie, ins smartphon lächelnd! Hat Ihnen schon einmal Jemand ein Bild geschickt von einem hässlichen Ort und mit Leidensminen -selfie?

 

Mir fällt da so ein altes Schwarz- weiß- Foto von meinen Urgroßeltern ein, aufgenommen anlässlich ihrer goldenen Hochzeit 1957. Fünf erwachsene Männer, die Söhne des Jubelpaares, stehen hinter den sitzenden Eltern. Die Frau ist dick und guckt entschlossen mürrisch. Ihr Mann guckt resigniert, die Söhne mehr oder weniger ernst. Dabei hatten sie doch Glück, hatten alle zwei Kriege überlebt. Keine Spur von Jubel in den Gesichtern. Das scheint damals noch nicht zwingend für Fotos gewesen zu sein.

 

In philosophischen, spirituellen oder psychologischen Büchern kann man seit Urzeiten davon lesen, dass nichts im Leben beständig sein kann, dass es Licht und Schatten, Tag und Nacht, gut und schlecht, hell und dunkel, Nord und Süd, eben verschiedene Pole gibt. Und dass die Polarität eines der Grundgesetze unseres Lebens ist.

Hindert uns unser moderner Anspruch auf "Glücklich- sein" vielleicht daran, uns jeden Tag ein Stück über das „am Leben sein“, die kleinen schönen Dinge, den Jahrhundertsommer zu freuen?

Auch wenn es vielleicht gerade Streit gibt, Stress, Ärger, Kummer, zu viel oder zu wenig Sonne.

Ich habe mich an diesem tollen Sommer täglich gefreut! Und mir geduldig die Klagen derer angehört, die die Hitze nicht so gut vertragen, wie ich. Die langen Sommerabende habe ich oft mit einem Buch verbracht, welches mich zu diesen Gedanken inspiriert hat. Wilhelm Schmid, einem Philosoph unserer Zeit, beschreibt in seinen Büchern, wie wichtig es ist zu akzeptieren und zu respektieren, dass das Leben nicht gleichförmig und glücklich verlaufen kann. Wenn uns das gelingt, können wir vielleicht Heitere Gelassenheit erreichen, auch bei dauernden 35° im Schatten.

 

Buchempfehlungen: Wilhelm Schmid : Glück

                                 Marc Aurel: Selbstbetrachtungen

 

Katrin Neefe                              August 2018